BNN   Freitag, 5. Oktober 2007

 

Interessante Gegenüberstellung

Schubertiade Ettlingen: Hölderlin- und Heine-Vertonungen

    Mit zwei Veranstaltungen wurde die Wolfgang - Rihm-Hommage der Schubertiade Ettlingen fortgesetzt. Die Nachmittagsveranstaltung galt den Hölderlin- und Heine-Vertonungen, die durch Umsetzungen anderer Komponisten erweitert wurden. Wiederum gab Rihm interessante Einführungen zu den Werken, so wies er darauf hin, dass kaum ein Liederkomponist des 19. Jahrhunderts Hölderlin-Texte vertonte. Folgerichtig stammten alle Lieder dieses Blocks aus dem 20. Jahrhundert. Bemerkenswert erscheint, wie beliebt dessen Fragmente als Textvorlage sind. Doch während Rihm und der 39-jährige Jens Joneleit auf dessen originale Fragmente zurückgriffen und diese zur Grundlage eigener Klangvorstellungen machten, wählte Hanns Eisler einen anderen Weg: Er skelettierte vollständige Gedichte zum Fragment.
    Beides erwies sich als gleichermaßen interessant und die beiden Baritone Richard Salter (Rihm) und Hans Christoph Begemann (Eisler und Joneleit) blieben den Texten nichts schuldig. Am Klavier wechselten sich die vorzüglichen Siegfried Mauser und Thomas Seyboldt ab. Hubert Mayer stellte dann mit dem Lied „Hälfte des Lebens" aus den „Gesängen op.l" eine der frühesten Kompositionen Rihms vor. Er schrieb sie im Alter von 16 Jahren. Als interessante Gegenüberstellung hörte man seine drei „Hölderlin-Gedichte" von 2004, in denen er die „Hälfte des Lebens" noch einmal vertonte. Dabei klang der junge Rihm atonaler und „moderner" als der heutige, einem Neo-Romantizismus zugeneigte Tonschöpfer.

Dazwischen erklangen Benjamin Brittens „Sechs Hölderlin-Lieder", wie auch der letztgenannte Beitrag von Hubert Mayer ausdrucksvoll und klangschön gesungen. Robert Franz' Vertonung der „Seraphine" Gedichte von Heinrich Heine führten dann in die Musikwelt des 19. Jahrhunderts. Mareike  Morr gab ihnen die ganze Fülle ihres jugendlichen Mezzosoprans und stand ihrer Kollegin Barbara Stoll, die die nichtvertonten Texte las, in nichts nach. Den Kontrast dazu bildeten Wolfgang Rihms „Seraphine" - Lieder, die musikalisch den bereits genannten „Hölderlin Gedichten" ähnelten.
    Abends folgten Schiller- und Goethe-Lieder.
Hier waren den Kompositionen Wolfgang Rihms, die zwischen 2004 und 2007 entstanden, Vertonungen Carl Friedrich Zelters gegenübergestellt. Neben Schillers lyrischem Werk „Die Teilung der Erde" waren es vor allem die Lieder aus Goethes „Wilhelm Meister", denen das Interesse galt. Hans Christoph Begemann und Mareike Morr waren die idealen Sänger für diese Lieder. Doch auch für Rihms Beschäftigung mit Schiller und Goethe stellte Begemann den richtigen Interpreten dar. Das umfangreiche Programm der beiden Tage stellte sich sowohl künstlerisch als auch programmatisch als fantastische Leistungsschau dar. Wolfgang Rihm ließ es sich auch denn nicht nehmen, Thomas Seyboldt, dem künstlerischen Leiter der Schubertiade, besonders herzlich zu danken.                      

BNN     Donnerstag 4. Oktober 2007

 Rihm als
Liedkomponist

Hommage bei Schubertiade

    Mit einer sich über zwei Abende und einen Nachmittag hinziehenden Hommage ehrt die Ettlinger Schubertiade Wolfgang Rihm. Als einer der international erfolgreichsten Komponisten zeitgenössischer Musik ein Aushängeschild der Region und stilistisch kaum einer Richtung zuzuordnen. Dies zeigte schon das erste Konzert im Asamsaal, überschrieben als „Frühe Lieder" - eine nicht ganz ernstzunehmende Titulierung, verfasste Rihm die jüngsten dieser Lieder doch erst im Alter von 38 Jahren. Die Klammer dieser Lieder waren eher ihre Textdichter. Zwei von ihnen verbrachten einen großen Teil ihres Lebens in der Nervenheilanstalt, die beiden anderen endeten durch Selbstmord. Diese und andere interessante Details erzählte der anwesende Komponist in seiner charmant-bescheidenen Art. Aus Paul Celans „Atemwende" vertonte Wolf gang Rihm 1973 vier Gedichte, die Thomas E. Bauer versiert vortrug. Verlor sein Bariton im Piano auch etwas an Farbe, fand er doch den richtigen Zugang zu dem Spiel der Töne mit den Texten. Am Klavier wurde er hier begleitet von Siegfried Mauser, der sich schon häufig einen Namen als Rihm-Interpret machte.
Ernst Herbecks „Alexanderlieder" komponierte Rihm 1975/76 für zwei Stimmen und zwei Klaviere. Ernst Herbeck, der 34 Jahre in der Nervenheilanstand Gugging bei Wien lebte, schrieb ab 1960 auf Anraten seines Therapeuten kleine Gedichte, deren Wirkung oft auf plötzlichen Wechseln der Perspektive liegt. Diese Wechsel führten Thomas E. Bauer und Ulrike Sonntag anschaulich vor, als zweiter Pianist trat nun Thomas Seyboldt hinzu. Den Zyklus „Neue Alexanderlieder" schrieb Rihm 1979 für Richard Salter. Salter darf als
einer der bekanntesten Rihm-Interpreten gelten – er sang in den Uraufführungen von „Jakob Lenz" und „Die Eroberung von Mexiko" - und ließ es sich nicht nehmen, diesen Zyklus auch in Ettlingen zu singen. Hier erlebte man nun wirklich die ideale Verschmelzung eines Sängers mit seinem Text. Und auch stimmlich wohnte man einem Höhepunkt des Liedgesangs bei.
Fast noch eine Steigerung erreichte er mit dem Wölfli-Liederbuch, das 1981 als Liederzyklus mit szenischem Epilog entstand. Adolf Wölfli, der nach 35-jährigem Aufenthalt 1930 in der Anstalt Waldau bei Bern starb, bemalte und beschrieb wie besessen jede freie Stelle seines Zimmers, jeden Fetzen Papier, ja sogar die Ein-richtungsgegenstände des Raumes. In der Interpretation Richard Salters entstand vor dem geistigen Auge geradezu ein Bild jener getriebenen Seele, der auch Rihms Musik eine kongeniale Form gab. Ein Lob geht auch an die beiden nicht namentlich genannten Pauker, welche das textlose Nachspiel dominierten.
Der 1990 entstandene Zyklus „Das Rot" nach Gedichten von Karoline von Günderrode, die 1780 in Karlsruhe zur Welt kam und ihrem Leben im Alter von 26 Jahren aus unglücklicher Liebe ein Ende setzte - wurde für Christoph Pregardien geschrieben. Doch in der Interpretation durch eine Frau, hier die vorzügliche Ulrike Sonntag, schienen mir die Texte noch unmittelbarer und überzeugender. Und wieder fand Wolfgang Rihm ganz neue, intimere Töne, um die Gemütslage der Autorin zu illustrieren. Der ausgezeichnete Abend war die beste Würdigung für den Liederkomponisten Rihm und machte zudem Lust auf die noch folgenden Programmblöcke.

Manfred Kraft
 

Manfred Kraft